Von aussen ist der «Löwen» vielen Oberuzwilerinnen und Oberuzwilern vertraut. Im Innern des Hauses haben die Umbauarbeiten im Sommer 2026 jedoch eine bislang verdeckte Geschichte sichtbar gemacht. Erhalten sind historische Holzkonstruktionen, alte Raumstrukturen, Wand- und Deckenmalereien sowie mehrere Generationen von Tapeten. Das Haupthaus dürfte nach Einschätzung der kantonalen Denkmalpflege aus der zweiten Hälfte des 17. oder dem frühen 18. Jahrhundert stammen. Ein genaues Baujahr ist noch nicht gesichert.
Malereien hinter den Verkleidungen
Besonders bemerkenswert sind zwei Räume in den Obergeschossen. In einer Stube finden sich Ranken und Fruchtgehänge, in einem weiteren Raum farbige Ornamentbänder, Figuren, Pflanzen- und Fruchtdarstellungen sowie eine Jagdszene. Zwei Restauratorinnen haben die Befunde untersucht und dokumentiert. Nach ihrer Beurteilung könnten einzelne Malereien noch ins 17. Jahrhundert zurückreichen; die genauere zeitliche Einordnung bleibt Gegenstand weiterer Untersuchungen. Die späteren Umbauten haben die älteren Oberflächen nicht vollständig beseitigt. Vielmehr blieben sie hinter Verkleidungen verborgen. Weil die Malereien nach dem heutigen Befund weder überstrichen noch überputzt wurden, sind sie vergleichsweise gut erhalten. Auch Tapeten des 19. Jahrhunderts sind in mehreren Schichten vorhanden.
Neue Erkenntnisse zum historischen Bestand
Aufgrund der freigelegten Bausubstanz und Ausstattungen hat die kantonale Denkmalpflege ihre frühere Beurteilung zum «Löwen» ergänzt. Sie nennt insbesondere die historischen Raumstrukturen, Böden, Wände und Decken sowie die Malereien und Tapetenreste als schutzwürdig. Die nun erlassene Schutzverfügung des Gemeinderats legt den verbindlichen Schutzumfang fest. Wie es mit dem Objekt weitergeht, ist aktuell offen. Die Gemeinde ist in Kontakt mit dem Grundeigentümer.
Wer weiss etwas?
Wer hilft mit, Antworten zu offenen Fragen zu recherchieren?
Die Erkenntnisse sollen in einer Dokumentation «Der Löwen in Oberuzwil – Ein Haus und seine Geschichte» zusammengeführt werden. Darin sind auch die offenen Fragen bezeichnet: die genaue Bau- und Wirtegeschichte, ein möglicher Tagungsort des Freigerichts sowie Herkunft, Datierung und Auftraggeberschaft der Malereien. Die Liegenschaft befindet sich in privatem Eigentum; die Dokumentation beschränkt sich auf ihre Geschichte und den heutigen Kenntnisstand. Die bereits recherchierten Erkenntnisse und Informationen finden Sie auf unserer Homepage unter der Rubrik «Aktuell»/ «Neuigkeiten».
Es werden noch kultur-/dorfgeschichtliche Personen gesucht, die mithelfen, die offenen Fragen zur früheren Nutzung der Räume mit den wiederentdeckten Malereien zu klären. Bei Interesse melden Sie sich bitte per E-Mail an gemeinde@oberuzwil.ch.
Ein Gasthaus mit Verbindungen zur Ortsgeschichte
Schon das bekannte Oberuzwiler Heimatbuch von Adolph Näf berichtet vom «Löwen» als Gasthaus an der Landstrasse: Reisende fanden Verpflegung und Unterkunft, Fuhrleute konnten ihre Pferde wechseln. Nach Näfs Darstellung hatte die Familie Weber das Gasthaus bereits vor 1700 inne; 1810 gelangte es an Ulrich Widmer.
An diese ältere Geschichte erinnert auch das Löwenmotiv. Auf einer Aufnahme um 1920 ist die Figur am Haus zu erkennen. Einen ausdrücklichen Bezug zum Gerichtsstab liefert Näfs Beschreibung des Siegels von Löwenwirt Josef Weber: Darin hält ein aufgerichteter Löwe den Gerichtsstab des Freigerichts Oberuzwil. Daraus allein lässt sich allerdings noch nicht ableiten, dass das Freigericht im Gasthaus tagte.
Konkret überliefert ist dagegen die Nutzung durchv den Gemeinderat nach 1803. Die Gemeindechronik nennt den «Löwen» als dessen frühen Sitzungsort und gibt einen Protokolleintrag vom 2. Dezember 1805 wieder, der die Versammlung in der «Wirtschaft zum Löwen» ausdrücklich festhält.
Eine weitere Verbindung führt zum Schützenwesen. Näf beschreibt die 1777 gegründete Freischützen-Kompagnie, aus der die Feldschützen-Gesellschaft hervorging. Diese Entwicklungslinie führt über spätere Vereinszusammenschlüsse zu den heutigen Schützen Oberuzwil-Oberrindal.